Baby-Praktikum in der Meulenwald-Schule

Fünf Babys mischen eine Woche lang die Schule auf

Ein Erfolg auf der ganzen Linie: Baby-Praktikum an der Schweicher Meulenwaldschule mit den Trierer Johannitern

Babygeschrei gehört eher nicht zum Alltag in einer Schule. In der Schweicher Meulenwaldschule ist das für eine Woche anders gewesen. Da hat das Schreien der Babys quasi auf dem Stundenplan gestanden. Die Premiere des Projektes „Babypraktikum“ wurde zum Erfolg auf ganzer Linie. Für alle Beteiligten.

Von unserer Mitarbeiterin Sandra Blass-Naisar

Schweich. (sbn) Während Jessica (17), Jana (15) und Elma (15) mit Rene (16) und Hassan (16) das Hackfleisch für die Lasagne anbraten, unterbricht ein weinendes Baby die beschauliche Kochidylle der Teenager am Herd. „Das ist Max!“ sagt Hassan mit geübtem Blick auf die fünf Babys, die da nebenan auf dem Schrank liegen. Max ist kein echtes Baby.

Max ist eine Puppe, die eigentlich erst auf den zweiten Blick als solche zu identifizieren ist und sich vom Schreien her dank Computerchip überhaupt nicht von einem echten Baby unterscheidet. Max ist wie die anderen vier Puppen Dreh- und Angelpunkt im Projekt „Babypraktikum“ der Meulenwaldschule Schweich, zum ersten Mal gemeinsam mit der Kinder- und Jugendhilfeabteilung der Johanniter Unfall-Hilfe Trier in einer Schulklasse angeboten.

„Uns geht es darum, den Jugendlichen einen konkreten Einblick in die elterlichen Pflichten zu geben und aufzuzeigen, dass ein eigenes Kind viel Verantwortung und Arbeit mit sich bringt!“ sagt Diplom-Sozialpädagogin Eva Schonhoff, die das Projekt gemeinsam mit Shola Reese in der POJ-Klasse, einem freiwilligen praktisch orientierten Jahr an der Förderschule in Schweich, betreut. 5 Schüler, darunter drei Jungen, haben sich bei Klassenlehrerin Annegret Kaltenborn-Reiter freiwillig gemeldet, um „am eigenen Leib rund um die Uhr zu erfahren, wie das Leben  so wäre mit einem Baby.“

Drei Tage und Nächte realistischer Elternalltag. Die Puppen sind programmiert und schreien, wann immer sie Hunger haben oder gewickelt werden wollen. Solange, bis ihre Bedürfnisse gestillt werden. Egal, wo die jungen Mütter und Väter mit ihnen sind. Beim Einkauf an der Käsetheke genauso wie im Schulbus oder in der Eisdiele. „Die ganze letzte Nacht habe ich kein Auge zugetan!“ erzählt Rene. Und: „Ich mache heute meinen Mofa-Führerschein. Das ist total unfair. Ich bin fix und fertig!“ Sechs mal sei er letzte Nacht auf gewesen, um die Flasche zu geben. „Und das dauert. Mindestens so eine halbe Stunde nuckelt meins an der Flasche!“

Ein Computerchip speichert alle Informationen zur Versorgung, am Ende wird gemeinsam besprochen, wie gut die Babys versorgt wurden. Seit Elma an der gläsernen Babypuppe gesehen hat, was im Kopf eines Babys passiert, wenn es geschüttelt wird, geht sie umso behutsamer mit ihm um. Aber auch die Themen Sexualität und Verhütung, Schwangerschaft, Bedürfnisse und Versorgung von Säuglingen, Drogen und Alkohol während der Schwangerschaft stehen auf dem Stundenplan.

„Das Projekt soll keine Abschreckung vor dem Schwanger werden sein!“, betont Shola Reese. „Es soll aber deutlich machen, dass eine Elternschaft einschneidende Veränderung mit sich bringt und der passende Zeitpunkt hierfür gut überlegt sein sollte!“

Nach einer Woche sind sich die 15 bis 17 Jahre alten Schüler einig: „Mit den Babys, das hat noch Zeit!“ Es sei anstrengend gewesen, vieles habe man sich so nicht vorgestellt, zum Beispiel, dass man nachts sechs bis sieben Mal aufstehen musste, um Flasche zu geben und die Windel zu wechseln.

Und Hassan freut sich, endlich wieder eine Halbzeit mit den Kumpels Fußball durchkicken zu können, ohne dass ein Baby versorgt werden muss. Die Pädagoginnen lächeln. Sie fanden es hochspannend zu sehen, wie hin und hergerissen die Schüler eine Woche lang waren zwischen „oh wie süß“ und fix und fertig mit sich und der Welt.

Klassenlehrerin Annegret Kaltenborn-Reiter und Schulleiter Heinz Wegmann werten das Projekt als vollen Erfolg. „Praktizierte Lebensvorbereitung jenseits des Lehrplans, denn der Mensch besteht nicht nur aus Arbeit!“

[box type=”info”] In Deutschland werden jährlich zwischen 12.000 und 15.000 Minderjährige schwanger, schreibt die Johanniter Unfall Hilfe in Trier in ihrer Konzeption zum Projekt Babypraktikum. Eine frühe Elternschaft bringe viele Herausforderungen und eine Änderung der Lebensführung mit sich, die bei den jungen Eltern häufig zur Überforderung und Hilflosigkeit führen. Die Leitragenden seien dann in der Regel die Kinder, wenn es durch die Überforderung der Eltern zu Vernachlässigung, Misshandlung und Gewalt kommt. Um diesen Problemen entgegenzuwirken bietet die Kinder- und Jugendhilfeabteilung der Johanniter Unfall-Hilfe e.V. in Trier das Projekt „Babypraktikum“ an. Infos unter Email: eva.schonhoff@juh-hrs.de[/box]